Der ADFC Osnabrück hat einen Offenen Brief an Osnabrücks Oberbürgermeister Wolfgang Griesert geschrieben, der viele wichtige Punkte und Ideen enthält. Und Teile daraus sind wahrscheinlich auch auf andere Städte übertragbar. Daher folgt er hier in voller Länge. Ich bin auf die Antwort gespannt!

Offener Brief zum Neuen Jahr an die Stadt Osnabrück

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren,

ADFC-Logo2das Fahrrad wird dieses Jahr 200 Jahre alt. Wie man auf alten Fotografien aus Osnabrück sehen kann, war das Fahrrad noch vor 80 Jahren ein Massenverkehrsmittel. Nach der Verkehrswende der 60er Jahre, mit der dem Auto meist freie Bahn geschaffen wurde, hatte es massiv an Bedeutung verloren. Mittlerweile hat der Radverkehr in den letzten Jahren überall einen deutlichen Aufwärtstrend erlebt. Wir freuen uns darüber, dass die Stadt Osnabrück diesem Trend mit dem Radverkehrsplan 2030 Rechnung trägt.

Wir sehen allerdings auch, dass der Radverkehr nicht wesentlich sicherer geworden ist und vor allem von vielen Menschen als unsicher empfunden wird. Diese fahren daher nicht Fahrrad. Das ist auch verständlich, vor allem, wenn man die den Radfahrern zugedachten schmalen Fahrstreifen an vielen Hauptverkehrsstraßen in der Stadt sieht. Gerade an diesen Hauptverkehrsstraßen hatten wir viele Verkehrsopfer zu beklagen, sowohl Fußgänger als auch Radfahrer. In der Mehrzahl der Fälle waren LKW die Verursacher und Beteiligte an diesen schweren Unfällen.

Leider gibt es in Deutschland, die Tendenz, Verkehrsopfer als Kollateralschaden dieses „Fortschritts“ hinzunehmen.

Leider gibt es in Deutschland, die Tendenz, Verkehrsopfer als Kollateralschaden dieses „Fortschritts“ hinzunehmen. Wir finden, dass das eine völlig unangemessene Sichtweise ist, die nicht nur das damit verbundene persönliche Leid der Opfer und ihrer Angehörigen mit Füßen tritt, sondern auch die volkswirtschaftlichen Kosten negiert. Und wir glauben den Verantwortlichen der Stadt und den Mandatsträgern im Stadtrat, im Landtag und im Bundestag, dass Sie das genau so sehen: Diese Inkaufnahme von Opfern ist ein Unding. Wir glauben Ihnen auch, dass Sie hinter einer Initiative wie in Schweden stehen würden: Vision Zero – keiner darf mehr im Verkehr ums Leben kommen.

Ja, das wäre ein Fortschritt; das ist eine echte Vision, während die örtliche Verkehrswacht noch von einer Reduzierung der Unfallzahlen um 10 % träumt. Auch unsere Vision ist, dass jedes Verkehrsopfer eines zu viel ist. Und aus Unfällen, gerade wenn Sie gehäuft auftreten, müssen Konsequenzen gezogen werden:

Sofort – subito – plötzlich.

Gerade deshalb schmerzt es uns zu sehen, wie wenig sich für den Radverkehr in der Stadt und der Region in den letzten Jahren verbessert hat. Tatsächlich ist die einzige Verbesserung die Entschärfung der Kreuzung Johannistorwall-Kommenderiestraße. Aber es mussten erst drei Radfahrer an dieser Kreuzung sterben und viele andere Nahtoderlebnisse während der Beinahekollisionen durchleiden. Aber tatsächlich, jetzt, erst jetzt, nach zwei Jahren ist der Umbau der Kreuzung mit der Entschärfung für den Radverkehr fertig. Währenddessen wurden an anderer Stelle auf dem Wall, am Berliner Platz, wieder Radler schwer verletzt, das letzte Opfer, eine Radlerin starb. Und wieder sind LKW am Geschehen ursächlich beteiligt. Fünf Ghostbikes haben wir seit 2014 aufstellen müssen, jedes in der Hoffnung, dass es das letzte sei. Wir lang sollen wir noch warten, bis wirklich etwas verbessert wird?

Der Radverkehrsplan 2030 soll den Anteil Radverkehr von aktuell 16-18% auf über 30 % bringen. Damit dies gelingen kann, brauchen wir die entsprechenden Maßnahmen jetzt, sofort. Jedes weitere Verkehrsopfer hält Menschen davon ab, aufs Rad steigen. Nicht jeder hat so viel Vertrauen in seine Schutzengel. Und jedes Opfer ist Dämpfer für den Anstieg des Radverkehrsanteils.

Dem Götzen Autoverkehr muss gelegentlich mehr als nur ein Haar gekrümmt werden, da muss auch mal eine ganze Locke dran glauben.

Die Maßnahmen des RVP 2030 sind gut und austariert, auch wir haben beim Runden Tisch Radverkehr mitgewirkt und sie erscheinen uns ausgewogen und sicher. Und so müssen sie auch umgesetzt werden, schnell und mit der sichersten Lösung. Das kann auf den Magistralen nur bedeuten: Separierte Radverkehrsführung (oder gar kein Radverkehr). Und dass muss auch heißen: dem Götzen Autoverkehr muss gelegentlich mehr als nur ein Haar gekrümmt werden, da muss auch mal eine ganze Locke dran glauben.

Wenn wir uns mal vorstellen, wie viel Geld z.B. bei der Ortsumgehung in Belm verbaut wird, dafür kann man sogar ein prima Netz von Radschnellwegen um Osnabrück herum aufbauen. Und am Schluss ist noch etwas übrig für den Umwelttag in Osnabrück, um die ganze Stadt mit Aktionen zu überziehen und nicht nur in der Martinistraße ein bisschen zu feiern. Aber viele Fortschritte im Radverkehr scheitern gegenwärtig offensichtlich an der Rechtslage, die scheinbar den Autoverkehr privilegiert, an der Angst vor dem Götzen Autoverkehr und natürlich am Geld. Dabei muss sich auf allen diesen Feldern etwas bewegen. Und eine zarte Dämmerung ist am Morgenhimmel des Radfahrers ja schon zu sehen. Das Land Niedersachsen verdoppelt seine Mittel für den Radwegebau. Der Bund darf jetzt doch Radschnellwege ähnlich (also ein kleines bisschen) wie Bundesstraßen behandeln und fördern. Berlin, Bundesland und Hauptstadt wird einen Teil seiner Probleme mit einem Radverkehrsgesetz lösen.

Gerade wegen dieser Strömungen sind wir nicht gänzlich pessimistisch. In anderen Kommunen wurde schon gezeigt, dass auch die bisherigen finanziellen und Planungsinstrumente vieles für den Rad- und Fußverkehr möglich machen. Und schließlich hat auch Osnabrück, diese selbsternannte und früher so selbstverliebte Autostadt wichtiges auf den Weg gebracht, von den Fußgängerzonen bis zum Haseuferweg. Und immerhin wurde die „Altstadtautobahn“ über die Dielinger Straße und am Theater vorbei damals nicht gebaut.

Kernthema ist die Unverträglichkeit von LKW mit Radverkehr und Fußverkehr.

Aber es muss sich noch viel mehr tun. Und das Kernthema ist dabei die Unverträglichkeit von LKW mit Radverkehr und Fußverkehr. Wir wissen nicht, ob die sogenannte Überlebenstechnik mit Assistenten für den letzten toten Winkel die Lösung ist. Wir vermuten, dass es verdammt lange dauern wird, bis sie als Standard flächendeckend verbreitet ist. Wir wissen aber genau, dass wir uns sicher fühlen, wenn uns kein LKW und kein Auto/SUV zu nahe kommen kann. Dass muss die zukünftige Radverkehrsplanung im Blick haben. Und sie muss gelegentlich auch mal die Gefährder in die Schranken weisen, und nicht nur die Gefährdeten ausbremsen. Schwellen vor kreuzenden Radwegen, die Vorfahrt haben, würden sich viele Radler wünschen. Das wäre auch ein möglicher Beitrag, die Unfälle an Einmündungen und Kreuzungen zu senken.

Die Luftbelastung und die Lärmimmission sind in vielen Teilen im Stadtgebiet grenzwertig. Sie sind sogar häufig über den Grenzwerten. Osnabrück muss sich auf gerichtliche Klagen durch Betroffene und Bußgelder an die EU einstellen. Es gibt nicht viele Lösungen für diese Grenzwertüberschreitungen:

  1. Populisten würden die Grenzwerte für ungeeignet erklären. So ‚weit‘ sind wir glücklicherweise nicht.
  2. Nur noch Elektroautos in die Stadt zu lassen würde funktionieren … bis es auch davon zu viele gibt. Also muss man den Menschen Alternativen zum Auto anbieten.
  3. Bald fährt vielleicht eine Stadtbahn wieder in Osnabrück, bis dahin muss ein besserer Busverkehr und
  4. der weiter wachsende Radverkehr dies übernehmen.

Denn das mit dem Radverkehr würde funktionieren,

  • wenn die Stadt jetzt konsequent sichere Radverkehrsanlagen plant.
  • wenn die Stadt sich nicht immer vor dem Götzen Autoverkehr wegduckt.
  • wenn die Stadt Radverkehr und LKW-Verkehr entflechtet.
  • wenn die Stadt die Ampeln optimiert, so dass der Radverkehr vergleichbare Prioritäten genießt. Gilt das Gebot der „Leichtigkeit des Verkehrs“ nicht für alle Verkehrsformen?
  • wenn die Stadt eine Lösung für den Wallring findet. 6 Tote Fußgänger und Radfahrer in drei Jahren sind genug.
  • wenn die Stadt und die Stadtwerke die Bushaltestellen von den Radwegen entflechten.
  • wenn die Stadt und die Stadtwerke eine noch bessere Mitnahme von Rädern in den Bussen (und irgendwann einmal in Bahnen) ermöglichen.

Wir behaupten nicht, dass Osnabrück eine preisgekrönte Fahrradhauptstadt werden soll. Wir wollen aber, dass Osnabrück eine (noch) lebenswertere Stadt wird, und das geht am sichersten (sic!) mit fröhlichen Radfahrenden. Und falls irgendjemand doch etwas preiskrönt, werden wir bei den ersten Gratulanten sein.

Der ADFC Osnabrück ist die lokale Gliederung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs, der größten Interessenvertretung der Radfahrer in Deutschland. Wir haben über 160.000 Mitglieder in Deutschland. Unser Ortsverband Osnabrück hat mehr als 800 Mitglieder in Stadt und Landkreis Osnabrück. Wir vertreten die Interessen aller Radfahrer unabhängig von Alter und Fitness und setzen uns engagiert für die Belange des nichtmotorisierten Verkehrs ein.

Mit diesem Brief zum neuen Jahr wünschen wir Ihnen, Herr Griesert, und allen Mitarbeitern der Stadt, sowie all den Menschen, die unsere Zukunft in der Verwaltung, im Rat, im Landtag und im Bundestag für eine Verkehrswende gestalten, alles Gute, Gesundheit und allzeit eine fröhliche und ansonsten ereignislose Fahrt, mit welchem Verkehrsmittel auch immer.

ADFC Osnabrück e.V.
Der Vorstand

Uwe Schmidt, Wolfgang Driehaus, Doris Wülfing

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