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Osnabrück

Sharrows locken Radfahrer auf die Straße – oder doch nicht?

In Osnabrück läuft gerade ein Modellversuch mit Sharrows, also Fahrradpiktogrammen auf der Fahrbahn. Kurz zusammengefasst ist es in der Lotter Straße so, dass die Fahrbahn zu schmal ist für beidseitige Schutzstreifen, geschweige denn eigene Radwege. Viele Radfahrer fahren daher auf den Gehwegen, da ihnen die Fahrbahn zu unsicher erscheint. Piktogramme sollen in einem Modellversuch Radfahrer auf die Fahrbahn locken und Autofahrer daran erinnern, dass Radfahrer hier gleichbereichtigt fahren dürfen.

Nun ist die erste Phase der Evaluierung beendet. Eine Onlinebefragung hat ergeben, dass

  • 40 Prozent der Befragten, die angaben, auf dem Gehweg zu fahren, ihr Nutzungsverhalten durch die Sharrows geändert haben und jetzt auf der Fahrbahn fahren. Die restlichen 60 Prozent haben ihr Verhalten nicht geändert.
  • nur für 55 Prozent aller Befragten die parallel verlaufende Katharinenstraße eine Alternative zur Lotter Straße darstellt.
  • sich für 54 Prozent der Befragten die Sicherheitsabstände der überholenden Kfz gegenüber den Radfahrern subjektiv nicht vergrößert hätten. Einen größeren Sicherheitsabstand der Autofahrer nennen 19 Prozent der befragten Personen.
  • sich das subjektive Sicherheitsempfinden durch die Markierung der Sharrows für 40 Prozent aller Teilnehmer der Onlinebefragung dennoch verbessert hat. Keine Veränderungen nahmen 47 Prozent der Befragten wahr.

Darüber hinaus wurden sowohl vor als auch nach der Markierung der Sharrows Videoanalysen durchgeführt. Die zentralen Ergebnisse:

  • Die Abstände zwischen Radfahrern und überholenden Kfz lagen sowohl vor als auch nach der Markierung der Piktogramme am Knotenpunkt Lotter Straße / Herderstraße im Mittel bei 1,6m und somit über dem gesetzlichen Mindestabstand von 1,5m. Anhand einer Clusterung der gemessenen Überholabstände lassen sich die Unterschiede genauer erkennen. Während vor der Markierung der Sharrows 44 Überholvorgänge mit einem Abstand unter 1,5m zum Radverkehr erhoben wurden, waren es nach der Markierung nur noch 31 Überholvorgänge. Gleichzeitig ist die Anzahl der Überholvorgänge mit einem Sicherheitsabstand zwischen 1,5m und 2,0m von 41 auf 56 Vorgänge angestiegen.
  • Die Videoanalysen an allen drei Standorten zeigen insgesamt eine ansteigende Quote der nicht überholten Radfahrer, dessen Ausgangswert jedoch bereits auf einem hohen Niveau lag. Die deutlichste Steigerung ließ sich am Knotenpunkt Lotter Straße / Herderstraße beobachten. Hier stieg ihr prozentualer Anteil von 64,3% um 5,7 Prozentpunkte auf 70,0% an.
  • An allen drei untersuchten Standorten konnten keine Veränderungen in Bezug auf das verbotswidrige Radfahren auf dem Gehweg festgestellt werden. Die gemessenen Differenzen liegen innerhalb einer natürlichen Schwankung.

40 Prozent der Befragten fühlen sich durch die Sharrows also sicherer. Ein ziemlich guter Wert. Ob die Sharrows das Radfahren auf der Fahrbahn wirklich sicherer machen, ist eine andere Frage. Zumindest die Überholvorgänge mit größerem Abstand zeigen einen steigenden, die mit zu gringem Abstand einen sinkenden Wert. Grundsätzlich kann man das Fahrbahnradeln an dieser Stelle aber wohl als sehr sicher beschreiben. Besser als das Gehwegradeln ist es allemal. Und Autofahrer scheinen Radfahrer auch noch etwas mehr zu respektieren und überholen gar nicht erst.

Die Ergebnisse der Onlineumfrage sehen also so aus, als könne man durchaus Radfahrer mit den Sharrows vom Gehweg holen, wo sie natürlich nicht hingehören. Dass die Videoanalyse das nicht bestätigen kann, muss daran liegen, dass sie nur an drei Tagen durchgeführt wurde, der Modellversuch aber deutlich länger andauerte. Diese „Differenz zwischen den objektiv erhobenen Daten und der subjektiven Sicherheit der Radfahrer“ ist für die Verwaltung denn auch ein Grund, den Modellversuch zu verlängern. Sie beantragt, bis zu den Sommerferien weiter zu prüfen, um detailliertere Ergebnisse zu bekommen. Vor dem Hintergrund, dass hier ohnehin nichts anderes möglich ist (bis auf einen einseitigen Schutzstreifen), sollte dem Antrag auf jeden Fall zugestimmt werden.

Update

Mit den Stimmen von SPD, Grünen, UWG und Linke wurde der Modellversuch heute (16. Februar) im Stadtentwicklungsausschuss verlängert. Gut so! Wenn man die Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern so um 40 Prozent reduzieren und Autofahrer darauf aufmerksam machen kann, dass Radfahrer auf der Fahrbahn fahren dürfen, dann sollte man das weiterführen. CDU und FDP dagegen wollen Radfahrer auf den Umweg über die Katharinenstraße drängen. Das dürfte wiederum dem Einzelhandel in der Lotter Straße nicht gefallen. Denn wer kann hier wohl am einfachsten spontan halten und einkaufen? Richtig, Radfahrer.

So sehen die Sharrows nun aus. Hätten meiner Meinung nach etwas mittiger sein können. Die Größe ist okay. Foto: dd
So sehen die Sharrows nun aus. Hätten meiner Meinung nach etwas mittiger sein können. Die Größe ist okay.
Foto: dd

6 Antworten auf „Sharrows locken Radfahrer auf die Straße – oder doch nicht?“

Eigentlich gehören die Sharrows in die Mitte der Fahrbahn. So wie sie aufgebracht sind, verleiten sie dazu zu weit rechts zu fahren.
Ist das Absicht oder versehen?
Von der Werderstraße zum Bahnhof bin ich immer über die Lotter Straße gefahren, fand das zwar, gerade im Winter, sehr unangenehm, aber um unterwegs noch ein paar Sachen Einzukaufen einfach praktikabler.

Danke für die Infos. Das klingt so, dass es zumindest keine negativen Folgen gibt, aber Hinweise darauf, dass sich die Situation bessert. Was man schwer überprüfen kann, wäre, ob in einer Stadt, die an mehren prominenten Stellen Sharrows einsetzt, die Autofahrer*innen irgendwann generell sich anders verhalten beim Überholen.

Nur einen gesetzlichen Überholabstand gibt es nicht. Die 1,00 bis 1,50 Meter kommen aus der Rechtssprechung Je nach Fahrgeschwindigkeit der beteiligten Fahrzeuge und der örtlichen Gegebenheiten (sowie dem lebensweltlichen Rahmen des Richters, der Richterin) werden die Gerichte zu unterschiedlichen Werten kommen.

Sharrows bestehen aus Radfahrersymbol UND Pfeilen (arrows), sie kennzeichnen in den USA und anderswo Fahrspuren, die gemeinsam genutzt (shared lane) werden. Dass die normalen Fahrradsymbole in Osnabrück nun auch Sharrows genannt werden, obwohl sie gar keine Pfeile enthalten, ist wirklich ziemlich albern. Muss man immer krampfhaft alles in unklarem Denglisch ausdrücken? Hier in Osnabrück handelt es sich doch nur um die deutschen Standardpiktogramme, die am rechten Rand klebend dem Autofahrer sagen „Hier fährt ab und zu mal ein Radler in der Gosse, kannste dich dran vorbeidrängeln, das passt schon.“

Nach ein bisschen Recherche im Netz: Wo auf dem Bild ist denn ein Sharrow zu sehen?
Sharrows fordern dazu auf die Fahrbahn gemeinsam zu nutzen, das weiße Fahrrad auf dem Bild fordert dazu auf dm Kraftverkehr Platz zu machen.

Na, ich weiß nicht, überleg doch mal wie ein Sharrow mitten auf der Fahrbahn interpretiert wird, und was so ein Fahrradsymbol scharf rechts am Fahrbahnrand ausdrückt. Für Rad- wie für Kraftfahrer.
Sicher ist es ein Fortschritt den Verkehrsteilnehmern so klar zu machen das Fahrräder dort wirklich auf die Fahrbahn gehören, aber von einem Sharrow, das heißt einer gleichberechtigten Nutzung ist man mit diesen Symbolen noch sehr weit entfernt.

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