In Münster läuft aktuell eine Kampagne gegen den „Toten Winkel“, die für Aufregung und Diskussionen sorgt. Hier im Blog wurde an anderer Stelle auch schon dazu kommentiert. Am Wochenende habe ich darüber hinaus eine Mail von zwei Radfahrern aus Münster bekommen, die um die Möglichkeit eines Gastbeitrages fragten. Diese Möglichkeit gebe ich Ihnen hier gerne.

Gastbeitrag: „Victim Blaming“ – Der aktuelle Kinospot der Ordnungspartnerschaft Verkehrsunfallprävention Münster

…von Christoph S. und Andreas W.

Die Ordnungspartnerschaft Verkehrsunfallprävention Münster möchte mit einem Kinospot „Liebe macht blind – Toter Winkel auch“ für (Zitat) „eine allgemeine Achtsamkeit und Rücksichtnahme im Straßenverkehr“ werben.

Zitat Ordnungspartnerschaft Verkehrsunfallprävention Münster:

„Ein träumerisch-verliebter Fahrradfahrer fährt hinter einer attraktiven Radfahrerin unbedarft in Richtung Straßenkreuzung. Auf den Verkehr achtet er hierbei nicht und wird von einem LKW überrascht, der rechts abbiegt.“

Der Spot läuft z.Zt. in Münsters Kinos:

Herausgekommen ist ein infames Machwerk, das – beabsichtigt oder nicht – suggeriert, Opfer von Rechtsabbieger-Unfällen hätten es an „allgemeiner Achtsamkeit“ mangeln lassen.

Nun ist es generell fragwürdig, Opfern von Rechtsabbieger-Unfällen eine Mitverantwortung zu unterstellen. Dieser Spot wird allerdings durch die Tatsache unerträglich, dass an der gezeigten Wolbecker Straße innerhalb eines halben Jahres (Oktober 2014 bis Mai 2015) eine 27-jährige Studentin, ein 12-Jahriges Mädchen und ein 88-jahriger Mann von rechts abbiegenden LKW überrollt worden sind.

…eine ekelerregende Täter-Opfer-Umkehr!

Können die Angehörigen der letzten Unfalltoten und Unfallopfer an der Wolbecker Straße jetzt im Kino bestaunen, dass ihr 12 jähriges Kind, ihre 27-jährige Tochter oder ihr Vater/Großvater zu blöd waren, sich richtig im Verkehr zu verhalten und sich ein „sinnloses Kräftemessen mit dem LKW“ (O-Ton Martin Schulze-Werner, Ordnungsamt Münster) geliefert haben? Oder waren sie etwa „träumerisch-verliebt“ unterwegs?

Wir sind von dieser Pietätlosigkeit entsetzt. Das ist mitnichten Unfallprävention, das ist billigende Inkaufnahme einer wirklich ekelerregenden und durchaus intentionalen Täter-Opfer-Umkehr.

Immerhin kassiert dieses infame (nebenbei auch noch sexistische) Anti-Fahrradfahrer-Video gerade das eine oder andere „gefällt mir-nicht“ auf YouTube und einige Beschwerden auf der „Kontakt“-Seite der Ordnungspartnerschaft Verkehrsunfallprävention Münster.

 


Noch eine Anmerkung von mir:

Die Wolbecker Straße verfügt übrigens über einen benutzungspflichtigen Radweg, der diese gefährlichen Situationen heraufbeschwört. Bereits seit 2014 wird die Aufhebung dieser Benutzungspflicht gefordert – auch vor Gericht. Interessant und entlarvend ist, was Ordnungsamtschef Martin Schulze-Werner dazu sagt. Er bezieht sich nämlich gar nicht auf die einzige Begründung, mit der man die Benutzungspflicht anordnen kann: das Gefahrenpotenzial des Fahrbahnradelns. „Wenn die Wolbecker fällt, folgen Hammer Straße, Warendorfer Straße, Steinfurter Straße und Weseler Straße. Mit der Folge, dass ganz Münster für Autos und Stadtwerke-Busse zur Schleichverkehrszone wird.“

Update 24. November 2015

Der ADFC Münster hat sich heute in einer Pressemitteilung zu dem Kinospot geäußert. Als Mitglied der Ordnungspartnerschaft Verkehrsunfallprävention der Stadt Münster (OPVU) sei man weder vorab über die Inhalte des Spots informiert worden noch habe man über die Veröffentlichung mitentscheiden dürfen.

Der Vorstand des Allgemeinen Deutschen-Fahrrad Club Münster / Münsterland e.V. (ADFC) möchte sich ausdrücklich von dem Kinospot „Liebe macht blind – toter Winkel auch“ distanzieren. (…) Dieser Kinospot stellt die Fahrradfahrer pauschal als dümmlich dar, ist einseitig, sexistisch und rücksichtslos gegenüber den Opfern. Er stellt das Opfer-/ Täter-Verhalten auf den Kopf! Das schuldhafte Verhalten von abbiegenden KFZFahrern wird vollkommen ausgeblendet. Der ADFC distanziert sich daher von diesem Kinospot, fordert stattdessen den Blick zu fokussieren auf die Gefährder und hat konsequenterweise die OPUV aufgefordert, diesen irreführenden Kinospot zu entfernen. Sowohl online, als auch in den Kinos.

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