Die Verkehrssituation vor Schulen wird kritischer, weil so genannte „Helikopter-Eltern“ ihren Kindern den Schulweg nicht mehr selber zutrauen. Die ersten Schulen haben bereits Bannmeilen für diese „Eltern-Taxis“ eingerichtet und sogar die Verkehrsministerkonferenz hat schon über das Thema diskutiert. Entwicklungspsychologen warnen vor Unselbständigkeit, wenn sich Kinder nicht ohne Hilfe im Verkehr bewegen. Und Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) spricht sich für ein generelles Halteverbot vor Schulen und Kindergärten aus – das zur Not mit baulichen Maßnahmen durchgesetzt werden müsse. Das Thema nimmt langsam an Fahrt auf. (hier, hier und hier zum Beispiel)

Vor diesem Hintergrund und der Ende September durchgeführten Aktionstage „Zu Fuß zur Schule“ habe ich bei Osnabrücker Gymnasien und einer Gesamtschule mal nachgefragt, wie die Situation hier ist. Obwohl befreundete LehrerInnen von mir der Meinung sind, dass Kinder der dritten Klasse bereits mit dem Fahrrad zur Schule fahren könnten, wenn man das mit ihnen geübt hat, habe ich mich bei der Umfrage bewusst an die fünften Klassen gewendet, weil das der erste Jahrgang ist, der die allgemeine Fahrradprüfung der vierten Klasse hinter sich hat und somit theoretisch nicht mehr auf das Eltern-Taxi angewiesen ist.

Eigentlich müsste man bei der Befragung noch zwischen Landkreisschülern und Schülern aus der Stadt unterscheiden, da die Entfernungsfrage natürlich ein mitentscheidendes Kriterium ist. Damit alle Schulen bereit sind, bei der Umfrage mitzumachen, habe ich sie aber bewusst einfach gehalten. Und für die Situation vor der Schule ist es dann ja auch egal, woher die Autos kommen.

Schulweg zu Osnabrücker Gymnasien: 8 Prozent zu Fuß, 19 Prozent mit dem Fahrrad, 64 Prozent mit dem Bus, ein Prozent mit der Bahn und 8 Prozent mit dem Auto.

Das Ergebnis: im Durchschnitt kommen acht Prozent der Schüler mit dem Auto zur Schule. Das hört sich erst mal nicht viel an. Allerdings gibt es auch Unterschiede. So sind es beim Graf-Stauffenberg-Gymnasium nur 3 Prozent, am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium dafür 12 und an der Gesamtschule Schinkel sogar 14 Prozent. Und während ich die Umfrage durchgeführt habe, hatten wir erstaunlich gutes Wetter für Oktober. Einige Lehrer haben rückgemeldet, dass bei „schlechtem Wetter“ noch mal mehr Schüler mit dem Auto kommen. Und aus dem Ratsgymnasium heißt es, dass das Verkehrsmittel sehr wetterabhängig sei. Bei schlechtem Wetter – also alles außer Sonne und 24 Grad, auch darüber sei schon wieder nicht gut – würden einige Kinder gebracht. „Einige“ wurde auf dem Fragebogen unterstrichen und mit zwei Ausrufezeichen versehen. Ich solle die Umfrage im Januar noch mal wiederholen und gerne mal gegen 13 Uhr vorbeikommen und ein Foto machen.

Habe ich natürlich gemacht. So sieht es an einem „guten Tag“ aus:

Noch ein "guter Tag" am Ratsgymnasium. Trotzdem alle im absoluten Halteverbot und vor der Feuerwehreinfahrt...

Noch ein „guter Tag“ am Ratsgymnasium. Trotzdem alle im absoluten Halteverbot und vor der Feuerwehreinfahrt…

So sieht es an den Schulen im Detail aus (zu Fuß, Fahrrad, Bus, Bahn, Auto – absolute Zahlen):

  • Angelaschule: 2 – 25 – 60 – 1 – 8
  • Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium: 4 – 25 – 46 – 0 – 10
  • Gesamtschule Schinkel: 19 – 12 – 151 – 0 – 29
  • Graf-Stauffenberg-Gymnasium: 33 – 13 – 56 – 0 – 3
  • Gymnasium Carolinum: 1 – 21 – 113 – 4-  14
  • Ratsgymnasium: 7 – 22 – 67 – 0 – 5
  • Ursulaschule: 2 – 35 – 91 – 2 – 8
  • Gymasium in der Wüste: wollte nicht teilnehmen

Wie gesagt, das sind zunächst keine großen Zahlen. Wenn aber wie im Fall der Gesamtschule Schinkel morgens zu Schulbeginn allein 29 Autos der fünften Klassen vor der Schule vorfahren und man dann noch die Autos der Klassenstufen 6 bis 13 (und die Busse und die Lehrer) dazu zählt, dann hat man morgens zur ersten Stunde leicht über 300 PKW vor der Schule und einem dürfte klar werden, warum Schulleiter ein stetig wachsendes Verkehrsproblem vor ihren Einrichtungen beklagen.

Hängt vor dem Sekretariat des EMA...

Hängt vor dem Sekretariat des EMA…

Im Fall des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums (EMA) wiegt es doppelt schwer, da diese Schule Teil eines Vier-Schulen-Komplexes ist. Gleich nebenan befindet sich eine Schule für körperlich behinderte Kinder, die verständlicherweise von Fahrdiensten gebracht werden. Das entwickelt sich aber jeden Morgen zum Problem, weil diese Fahrdienste von so vielen Eltern-Taxis blockiert werden, dass sie nicht mehr zum Eingang vorfahren und die zum Teil auf Rollstühle angewiesenen Kinder absetzen können.

An diesem Schulkomplex „patrouilliert“ mittlerweile sogar regelmäßig ein Mitarbeiter der Stadtwerke, der per Funkgerät mit den Schulbussen in Kontakt steht, Eltern darüber aufklärt, dass sie nicht in die Bushaltestelle einfahren dürfen. Er versucht überhaupt erst mal den Regelbetrieb herzustellen, damit es nicht zu Verspätungen des Busverkehrs kommt. Ziemlich oft vergeblich, wie ich selber sehen konnte. Da schlängeln sich Eltern-Taxis an Bussen vorbei und kommen Kindern auf ihrem Weg zur Schule in die Quere. Es sei jeden Morgen dasselbe und die Eltern sind sich keiner Schuld bewusst. Es kommen die üblichen Ausreden wie „Wusste ich nicht“ oder „Nur ganz kurz“. Ein „Durchfahrt verboten“-Schild steht dort natürlich.

Ausnahmezustand vor Schulen: die Stadtwerke müssen einen Mitarbeiter schicken, der den Verkehr regelt…

Aufklärung als Fließbandarbeit für den Mitarbeiter der Stadtwerke...

Aufklärung als Fließbandarbeit für den Mitarbeiter der Stadtwerke…

Höhepunkt bei meinem kurzen Besuch: ein Vater hat seine Tochter auf den Schulhof gebracht und ihr noch die Tür aufgemacht. Das konnte ich bei den Erzählungen des Sekretariats vor ein einigen Wochen gar nicht glauben. Aber es gibt tatsächlich Eltern, die ihre Kinder (fünfte Klasse) bis vor die Tür des EMA fahren (obwohl dort die Durchfahrt verboten ist) und dann noch den Rucksack in den Klassenraum tragen! Andere warten so lange, bis der Sohn aus dem Klassenzimmer winkt und signalisiert, dass er gut angekommen ist…

Im Vergleich dazu mal mein Schulweg in der fünften Klasse, damals noch Orientierungsstufe: mit dem Fahrrad zum Bahnhof, mit dem Zug zwei Stationen weiter, zur Fuß vom Bahnhof zu Schule. Alles alleine, zunächst an älteren Schülern orientiert.

Das Kind bis auf den Schulhof gefahren...

Das Kind bis auf den Schulhof gefahren…

Helikopter-Eltern fahren bis vor die Tür und tragen den Rucksack dann noch ins Klassenzimmer…

Und auch Schüler selbst beklagen sich bereits. Die 19 Radfahrer aus einer Klasse der Angelaschule klagen „über Bus-, LKW- und Fußgängerverhalten“. Verständlich, denn morgens vor der Schule kann und will keiner zu spät sein und sieht seine eigenen Bedürfnisse erst mal als die wichtigsten an. Das kann in so einem Verkehrs-Wirrwarr dann aber schnell gefährlich werden.

Die Begründung der Helikopter-Eltern, die zwischen Schülern, Bussen und anderen Autos den Weg zum Eingang suchen, ist dabei oft verrückt. Viele von ihnen bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, damit sie sicher ans Ziel kommen. Sie alleine fahren oder gehen zu lassen, erscheint ihnen unsicher. Dabei erhöhen gerade diese Eltern die Gefahr für die Kinder, die doch alleine zur Schule fahren/gehen. Umso dichter sie der Schule kommen, umso dichter wird der Eltern-Taxi-Verkehr, durch den sie sich meist auf den letzten 100 Metern „kämpfen“ müssen. Die vermeintlich weniger gefährliche Alternative der einen Schüler wird also zur Gefahr der anderen, der eigenständigen Kinder.

Die unfallträchtigste Art der Fortbewegung für Kinder ist die Mitfahrt im Auto.

Und dabei geht diese Rechnung vorne und hinten nicht auf. Denn wie der ADAC – ja der Automobilclub – gerade bekanntgegeben hat, ist das Auto das gefährlichste Verkehrsmittel für Kinder: „Die unfallträchtigste Art der Fortbewegung für Kinder ist die Mitfahrt im Auto.“ Zu Fuß oder mit dem Fahrrad sind Kinder auf dem Schulweg hingegen sicherer unterwegs als bei anderen Gelegenheiten, wenn sie am Verkehr teilnehmen. Das zeigt die Frankfurter Unfallstatistik für 2013, wie Velophil schon im September 2014 berichtete.

Darüber hinaus sei es aus Sicht von Pädagogen wichtig, dass Kinder den Schulweg alleine meistern. „Für viele Jungen und Mädchen ist es der erste selbstständig zurückgelegte Weg. Sie schließen Freundschaften zu anderen Kindern, bekommen ein Raum-Zeit-Gefühl und kommen auch mal zu spät, wenn sie zu sehr trödeln. Außerdem bewegen sie sich – zu Fuß oder mit dem Rad. Was Eltern oft vergessen: die Erfahrung, die sie ihrem Kind vorenthalten, wenn sie sie zur Schule fahren. Zum einen lernt es jeden Tag, Gefahren einzuschätzen. Gerade bei Grundschülern kann man immer wieder beobachten, wie gewissenhaft sie x-mal in jede Richtung schauen, bevor sie die Straße überqueren. Sie wollen alles richtig machen und lassen lieber das Auto am Zebrastreifen vor, ehe sie sich auf die Fahrbahn wagen“, so Andrea Reidl bei Velophil.

Gut gemeint ist aber nicht immer gut gemacht. Tatsächlich bewirken die „Elterntaxis“ allzu oft das Gegenteil: Es wird gedankenverloren geparkt, zu schnell gefahren oder die Kinder werden nicht mit den vorgeschriebenen Rückhalteeinrichtungen gesichert. So entstehen Gefahren im Verkehr, nicht zuletzt auch für das eigene Kind.
via schulweg-safari.de

Eigentlich möchte ich diesen Artikel nicht unter diesem Eindruck beenden – obwohl so ziemlich jeder Gesprächspartner relativ ohnmächtig wirkte, ob der Situationen. Vor allem hat der überwiegende Teil den Eindruck, dass die Schüler, die nah an der Schule wohnen, am häufigsten mit dem Auto gebracht werden – obwohl sie Busfahrkarten haben.

Aber es gibt ja auch erfreuliche Zahlen: zwei Drittel der Schüler kommen mit dem Bus, sind also umweltfreundlich, sicher und Verkehr minimierend unterwegs. Und ein Fünftel fährt bereits mit dem Fahrrad. Dieser Anteil ist aufgrund der Entfernung für viele Landkreisschüler zwar nicht beliebig steigerbar. Aber wenn, wie am EMA, den 12 Prozent Eltern-Taxis 29 Prozent radfahrende Kinder gegenüberstehen, dann hat das bei dem einen oder anderen Elternteil vielleicht auch mal Signalwirkung. Der Fahrradparkplatz ist auf jeden Fall schon gut gefüllt und wird bei steigender Nachfrage sicher dankend erweitert.

Dass auch alles recht ruhig sein kann, habe ich übrigens heute am Graf-Stauffenberg-Gymnasium (GSG) gesehen. Die 3 Prozent aus der Umfrage sah ich hier bestätigt. Allerdings: als ich dort war, ist ein ausparkendes Auto rückwärts in ein vorbeifahrenes gefahren. Nur ein kleiner Blechschaden. Das hätte deutlich schlimmer ausgehen können, wenn es ein Kind auf einem Fahrrad gewesen wäre. Und jetzt bitte nicht die falschen Schlüsse daraus ziehen. Wären beide mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, wäre gar nichts passiert.

Was können Eltern also tun? Vielleicht mal eine oder zwei Wochen mit ihren Kleinen zusammen mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Schule fahren, um den Weg kennenzulernen. Danach kann man die Kinder alleine losschicken und mit etwas Abstand und unentdeckt folgen. Das beruhigt das eigene Gewissen. Und dann lässt man das Auto dauerhaft stehen und freut sich, dass die Kinder wach, aufmerksam und fit zur Schule kommen.

Und last but noch least möchte ich mich natürlich bei den Schulleitern, Lehrern und Sekretariaten bedanken, die sich kurz Zeit genommen, die Zahlen in ihren Klassen abgefragt und mir rückgemeldet haben.

 

Anmerkungen

Ich hätte gerne noch einen Vergleich zu kleineren Städten gezogen. Der Aufwand wäre an dieser Stelle aber zu groß gewesen. Als kleiner aber interessanter erster Einblick dient da die Klassenstufe 5 der Realschule Damme. Auch hier vielen Dank für die Zusammenarbeit! 50 Prozent der Schüler kommen hier mit dem Fahrrad (57 Kinder) zur Schule, 44 Prozent mit dem Bus (51 Kinder), fünf Prozent mit Auto (sechs Kinder) und eine Schülerin zu Fuß.

 

Interessant zu dem Thema ist auch ein Podcast vom SWR: Helikopter-Eltern – Wenn Kinder zu sehr behütet werden. Zum Hören hier und zum Lesen hier.

Sie haben Ihren Sohn in die Schule gebracht, warum das? – Ich bringe meinen Sohnimmer in die Schule in der Früh. Weil es auch ein bisschen das Sicherheitsproblem ist hier an der Schule, gerade mit dem Fahrradweg usw. da bin ich dann eher drauf bedacht, dass er halt gut in die Schule kommt. – Wohnen Sie hier gleich in der Nähe? – Ja, so mit dem Auto eine Minute, hier so gleich um die Ecke.

Auch bei Twitter habe ich mal eine Frage an Lehrerinnen und Lehrer gerichtet, wie es an deren Schulen aussieht. Das ist natürlich nicht repräsentativ, aber einen ungefähren Eindruck bekommt man schon, wenn 70 Prozent angeben, dass bei ihnen ander Schule Chaos herrscht.





Eltern-Taxis Schild MünsterUnd aus Münster erreicht mich dieses Foto. Auch hier ist das Problem bekannt. Die Mittel dagegen noch eher bescheiden. Jan berichtet, dass von 7 bis 14 Uhr absolutes Halteverbot gilt. „Auf der Schulseite sind Fahrradständer, also keine Möglichkeit zu parken. Damit die Schüler eine weite Fläche haben, um die Straße zu überqueren, ohne sich zwischen parkenden Autos hindurch schieben zu müssen. Ein bis zwei Mal die woche ist das Ordnungsamt da und kassiert ab. Denn natürlich halten alle Elterntaxis genau da, und dann regen sie sich auch noch auf. Dabei war die Dame vom Ordnungsamt inhaltlich voll auf der Höhe und hat denen genau erklärt, warum das alles so geregelt ist und auch sein muss. Keinerlei Verständnis seitens der Autofahrer…“

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