Kategorien
Osnabrück Radverkehr

Erreichbarkeit beginnt im Kopf: Warum eine Spur weniger kein Nachteil sein muss

In Niedersachsen steht die Kommunalwahl im September an und wirft ihren Schatten schon voraus. Es wird wieder intensiver über die Zukunft der Osnabrücker Innenstadt diskutiert – aktuell bei einer Diskussionsveranstaltung der SPD, wie die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet. Immer wieder fällt dabei das Schlagwort der „Erreichbarkeit“. Vor allem aus Kreisen der Wirtschaft – etwa von der IHK – wird gebetsmühlenartig wiederholt, Osnabrück sei schlecht erreichbar oder drohe es zu werden, wenn Einfallstraßen wie die Iburger Straße zugunsten von Bus und Rad verengt werden. Aber stimmt das überhaupt?

Verkehrsforschung zeigt seit Jahren: Die Leistungsfähigkeit einer Straße hängt nicht allein von der Anzahl der Spuren ab. Ampelschaltungen, Kreuzungsdesign, Abbiegesituationen und Verkehrsfluss spielen eine ebenso große Rolle. Wird aus einer zweispurigen Einfallstraße eine einspurige mit klarer Führung und weniger Konflikten, verschlechtert sich die Erreichbarkeit nicht automatisch.

Im Gegenteil: Wenn Verkehre besser getrennt werden – Auto, Bus, Rad, Fuß – steigt oft die Sicherheit und die Planbarkeit für alle. Wer mit dem Auto in die Stadt fährt, profitiert von weniger unübersichtlichen Situationen. Wer im Bus sitzt, kommt zuverlässiger voran. Und wer Rad fährt, muss nicht mehr um seine Sicherheit fürchten. Die pauschale Behauptung, eine Spur weniger bedeute automatisch schlechtere Erreichbarkeit, ist schlicht zu kurz gedacht.

Und Osnabrück hat auch kein Parkplatzproblem, wie oft geklagt wird – es hat zu Spitzenzeiten höchstens ein Lenkungsproblem. Rund um die Innenstadt gibt es auf allen Seiten zahlreiche Parkhäuser mit hoher Kapazität. Wer aber unbedingt direkt ins Parkhaus des größten Modehauses fahren will und dafür an Samstagen 20 oder 30 Minuten Wartezeit in Kauf nimmt, sorgt selbst für die Verstopfung ganzer Straßenzüge. Statt die Verkehrsströme gezielt und ohne Umwege in die jeweils nächstgelegenen Parkhäuser zu leiten, konzentriert sich alles auf einzelne Hotspots. Der daraus entstehende Frust ist dann hausgemacht. Oder anders gesagt: „Du stehst nicht im Stau – du bist der Stau.“

Die Erreichbarkeit entsteht im Kopf

Problematisch wird es eher, wenn immer wieder öffentlich suggeriert wird, Osnabrück sei kaum noch erreichbar. Denn Wahrnehmung erzeugt Realität. Wenn die IHK oder andere Akteure ständig das Bild einer „abgehängten“ Innenstadt zeichnen, entsteht ein Ruf, der sich verselbstständigt.

Menschen aus dem Umland probieren es dann womöglich gar nicht erst aus. Sie gehen davon aus, dass es kompliziert, chaotisch oder frustrierend ist, in die Stadt zu fahren – obwohl das faktisch gar nicht der Fall sein muss. Eine Stadt kann sich ihre Erreichbarkeit also auch schlechtreden.

Sicherheit für alle – nicht nur fürs Auto

Politik und Verwaltung haben die Verantwortung, dass alle Verkehrsteilnehmer*innen sicher in die Innenstadt kommen können. Jahrzehntelang wurden die Bedürfnisse von Radfahrenden vernachlässigt. Schmale Schutzstreifen, plötzlich endende Radwege, gefährliche Kreuzungen – das war lange und ist noch immer Realität.

Eine Neuverteilung des Straßenraums ist daher keine „Schikane gegen Autofahrer“, sondern ein überfälliger Schritt hin zu mehr Sicherheit und Fairness. Wer fordert, die Verkehre besser zu trennen, hat recht. Aber das bedeutet eben auch, dem Rad- und Busverkehr den Raum zu geben, den er braucht. Erreichbarkeit darf nicht mit maximalem Autoverkehr gleichgesetzt werden.

Interessant ist denn auch, was der Geschäftsführer eines großen Einzelhandelsgeschäfts zu berichten hat: Die Frequenz in der Innenstadt sei relativ stabil. Das Problem sei nicht in erster Linie, dass niemand komme – sondern dass nicht genug gekauft werde. Innenstadtpolitik ist also mehr als die Frage, wie viele Autos gleichzeitig in eine Straße passen.

Radfahrende sind wirtschaftlich relevant

Oft wird auch übersehen: Radfahrende sind keine „Kunden zweiter Klasse“. Studien zeigen, dass sie in der Summe mehr Geld im Einzelhandel ausgeben als Autofahrende – nicht weil sie pro Besuch mehr ausgeben, sondern weil sie häufiger kommen.

Wer regelmäßig mit dem Rad in die Stadt fährt, kauft öfter ein. Das ist für den lokalen Handel ein echter Standortvorteil. Eine sichere Radinfrastruktur ist daher nicht nur Verkehrspolitik, sondern auch Wirtschaftsförderung.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie halten wir möglichst viele Autospuren aufrecht? Sondern: Wie gestalten wir eine Innenstadt, die für alle gut erreichbar ist – für Menschen aus dem Umland genauso wie für Osnabrückerinnen und Osnabrücker selbst?

Gute Erreichbarkeit heißt:

  • sichere Wege für Radfahrende
  • zuverlässige Busverbindungen
  • funktionierende Zufahrten für Autos
  • ein effizientes Parkleitsystem
  • praktische Lösungen für den Einkauf
  • und ein positives Narrativ statt Dauerpessimismus

Wer Osnabrück immer wieder schlechtredet, trägt nur dazu bei, dass Menschen fernbleiben. Wer hingegen in Sicherheit, Aufenthaltsqualität und faire Verkehrsflächenverteilung investiert, stärkt die Innenstadt nachhaltig.

Eine Spur weniger für Autos ist kein Rückschritt. Schlechte Stimmung hingegen kann einer Stadt wirklich schaden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert