Dass dieser Urlaub keine Fahrradtour werden würde, war von vornherein klar. Aber die Info „Eine geradezu rasante Entwicklung nimmt der Bike-Tourismus auf der Insel“ aus dem Reiseführer hat mich natürlich aufhorchen lassen. Darüber hinaus hatte ich kurz vor der Reise den Kurzfilm Havana Bikes über die Fahrradkultur der Hauptstadt gesehen.

Erster Eindruck: gibt es hier überhaupt Fahrräder???

Dann der erste Eindruck vor Ort in Havanna: eine echte Kultur oder Szene ist zumindest nicht erkennbar. Man sieht zwar viele Bici-Taxis, die kubanische Variante der Fahrradrikscha, dafür aber nur wenige Radfahrer – im Übrigen ausschließlich Männer, Frauen sitzen höchstens auf dem Gepäckträger. Diesen Radlern merkt man in der Regel aber an, dass sie viel lieber in einem Auto sitzen würden (absolutes Statussymbol, wenn es nicht gerade ein uraltes russisches Fabrikat oder ein alter amerikanischer Straßenkreuzer ist, was allerdings meist der Fall ist).

Aber die kubanische Hauptstadt macht es einem auch nicht leicht, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist und die alten Sowjet-Trucks einem ihre verbleiten Abgase durch 20 Zentimeter dicke Auspuffrohre mitten ins Gesicht blasen. Die Luft in der Stadt ist der Wahnsinn! Unsere deutsche Umweltzone ist dagegen der reinste Luftkurort! Und auch die Straßenbeläge laden nicht gerade zum Radeln ein. Es sei denn, man plant eine lockere Offroad-Tour. Hier und da gibt es zwar frisch sanierte Straßenanschnitte – der Malecón ist frisch asphaltiert und auch die Autopista, die einzige Autobahn im Land, ist noch recht okay. Allerdings teilt man sich diese mit Kutschen, Radfahrern, Fußgängern, Hunden und was sonst noch alles beweglich ist…

Die Lautstärke der oben erwähnten Höllengefährte ist auch unübertroffen. Egal wo wir waren, egal was am Haus vorbeifuhr, es war ohrenbetäubend und hat uns nachts regelmäßig aus dem Schlaf gerissen. Und das permanente Hupkonzert konnte ich bis zuletzt nicht voll durchschauen. Mal wird zum Grüßen gehupt, mal zur Warnung und mal ohne erkenntlichen Grund. Aber gehupt wird ständig. Neben Umweltverschmutzung also auch wahnsinnige Lärmverschmutzung!

Auf dem Land nimmt der Verkehr dann schon spürbar ab und man sieht auch häufiger Radfahrer – und Radfahrerinnen. Hier ist das Fahrrad noch ein echter Gewinn an Mobilität. Denn Autos sind selten und Busse in der Regel völlig überfüllt. Außerdem fahren sie, wie es gerade passt. Und nicht wie es der Fahrplan vorgibt. Halbwegs pünktlich sind wohl nur die großen Linien für Touristen – Viazul und Transtur. Aber auch da haben wir mitunter über eine Stunde warten müssen…

In ländlichen Gebieten ist das Fahrrad also für viele das Verkehrsmittel Nummer 1 – neben, ja richtig, Pferde- und Ochsenkutschen. Wie aus einer anderen Zeit…

Auf der anderen Seite stellt sich aber auch die Frage, ob die Menschen auf dem Land überhaupt großartig mobil sein müssen. Oft fehlen im sozialistischen System wohl die Gründe. Zu viele Kubaner stecken noch in den ihnen vom Staat zugeteilten Jobs fest, die sie örtlich binden und nicht immer besonders sinnvoll erscheinen. Das ist aber eine andere Geschichte…

Zurück in Havanna: Hier sichert das Rad den unzähligen Bici-Taxi-Fahrern hingegen ein recht komfortables Einkommen – für kubanische Verhältnisse. Obwohl es Touristen laut Reiseführer eigentlich untersagt ist, mit der kubanischen Rikscha zu fahren, ist hier ein wichtiger Markt entstanden. Kontrolliert wird schon lange nicht mehr. Noch wichtiger ist es aber, dass die Touris in ihrer eigenen Währung zahlen, dem Cubano Convertible (CUC). In der Regel fällt da ca. ein CUC (0,85 Euro) pro Kilometer an. Das ist aber Verhandlungssache. Der Fahrer kann da schon mit fünf Fahrten von Stadtteil zu Stadtteil einen ganzen kubanischen Monatslohn (umgerechnet ca. 25 Euro) erstrampeln, wenn auf der Rückbank zwei Touristen Platz nehmen.

Bici-Taxi 1

Es herrscht zwar große Konkurrenz auf den Straßen Havannas und auch in den anderen Städten der Insel, doch am Monatsende sollte für jeden die eine oder andere Fahrt abgefallen sein. Zumal auch Einheimische immer wieder ins Bici-Taxi steigen. Dann allerdings zu deutlich niedrigeren Preisen, die in Peso Cubano bezahlt werden.

Als Tourist hat die Fahrt im Bici-Taxi auf jeden Fall seine Vorzüge. Man ist langsamer unterwegs, sieht dadurch deutlich mehr. Und man kommt vor allem in Havana-Vieja, der Altstadt, durch die kleinen Gassen mit den vielen kolonialen Gebäuden. Hier ist die Luft dann auch nicht ganz so abgasgeschwängert. Außerdem kann man mit dem Bici-Taxi überall spontane Stopps zum Fotografieren oder Besichtigen einlegen.

Regen ist übrigens auch kein Problem. Viele der kubanischen Rikschas haben ein Verdeck, das sie runterlassen können. Das schützt zwar nicht hundertprozentig – von vorne kommt immer ein bisschen Regen durch. Aber bei den Temperaturen in Havanna sind das nicht mehr als erfrischende Spritzer.

Singlespeed – weil es nicht mehr anders geht…

Ansonsten geht auch auf Kuba der (nicht ganz freiwillige) Trend hin zu minimalistischen Bikes. Das einzige Anbauteil, das bei den wenigsten Fahrrädern fehlt, ist ein Gepäckträger, um eine zweite Person mobil zu machen. Und Schutzbleche sind auch noch recht häufig vorhanden.

Davon abgesehen sieht man fast ausschließlich puristische Singlespeed-Räder chinesischen Fabrikats (Flying Pigeon, Shanghai Forever), da alles was im Laufe der Jahrzehnte – Fahrräder aus diesem Jahrhundert sieht man eher selten und nur da, wo viel Touristengeld hingespühlt wird – kaputt gegangen ist, einfach abgebaut wurde. Es muss überall improvisiert werden. Neue Teile, und sei es nur ein neuer Reifen sind sehr schwer zu bekommen. Es wird an allen Ecken und Enden geflickt, was das Zeug hält. Was zunächst einmal nicht schlecht ist, wenn man an unsere Wegwerfgesellschaft denkt. Aber wenn man bei wirklich allen Problemen improvisieren muss, dann muss das auf Dauer wirklich frustrierend sein. Oder man findet sich halt damit ab. Wie mit so vielem auf der Insel.

Bikes on Cuba (8)

Bikes on Cuba (13)

Auch vom oben erwähnten Bike-Tourismus ist nicht so viel zu sehen. In 18 Tagen sind wir drei Paaren begegnet, die Kuba wirklich mit dem Fahrrad bereisen – zwei Kanadier, zwei Spanier und zwei Österreicher. Verleihstationen, und sei es nur der kleine Fahrradverleih im Hotel, mit dem durchaus geworben wird, haben sich größtenteils als Illusion herausgestellt. Langwierige Planungen schon im Vorfeld der Reise sind hier wohl angeraten. Der eine oder andere Verleih wirbt mit geführten und nicht geführten Touren im Internet.

Oder man schaut vor Ort ganz genau hin und fragt sich durch. So unmöglich hier vieles erscheint, so viel wird dann eben doch irgendwie möglich gemacht. Und sei es das private Rad von einem Kubaner, der die Gunst der Stunde nutzt, um an harte Devisen zu kommen. In Viñales, einer voll auf den Tourismus eingestellten Kleinstadt, sind wir dann aber auch auf dem offiziellen Weg an zwei Fahrräder gekommen. (Bericht folgt…)

Zusammenfassend hat sich für mich auf jeden Fall der Eindruck ergeben, dass in Sachen Fahrradtourismus noch ganz viel Luft nach oben ist. Wie bei allen Dingen auf Kuba ist auch hier viel Spontanität, Improvisation und Selbstorganisation gefragt.

Kuba – (noch) kein Land für Radfahrer…

Der Verkehr insgesamt ist zwar selten dicht, ungefährlich erschien er mir aber trotzdem nicht. Also auch hier: noch viel zu tun (aus Sicht eines Radfahrers). Allerdings wüsste ich nicht, was zuerst passieren sollte – vernünftige Straßen bauen oder endlich die uralten Dreckschleudern verschrotten. Beides ist dringend angeraten!!!

Ansonsten finde ich Kuba übrigens großartig, würde und werde immer wieder hinfahren und kann auch gerne Tipps geben, falls jemand eine Reise plant!

Und zuletzt noch mein Lieblingsfoto aus dem Urlaub:

Bikes on Cuba (14)

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