Nun wachsen uns FlügelNun wachsen uns Flügel von Maurice Leblanc – ein etwas anderes Fahrrad-Buch. Das erkennt man schon am Untertitel: „amouröser Roman“. Es ist die erste Übersetzung der französischen Originalausgabe, die 1898 unter dem Titel Voici des Ailes! erschien. Und sprachlich orientiert sie sich auch an der damaligen Zeit. Der MAXIME Verlag, der sich für Fahrradgeschichte, Technik und Kultur engagiert, beschreibt das Buch wie folgt:

Eine philosophisch-sinnliche Reise, zugleich Aufbruch in eine neue Zeit und zu neuen Partnerschaften – ein genussvolles und seelenbefreiendes Eintauchen in die Natur, abseits von Eisenbahnstrecken und gesellschaftlichen Konventionen, ermöglicht durch das moderne Fahrrad, das dem Individuum erstmals eigene Flügel verleiht.

Das Fahrrad ist hier also das Vehikel der Liebe – große Worte. Aber wenn man sich überlegt, was das Fahrrad plötzlich für eine Mobilität ermöglichte, dann war das schon ein Fortschritt auf vielen Gebieten. So eben auch für zwei befreundete junge Ehepaare aus Paris, die begeistert von dieser neuen Erfindung beschließen, zu einer spontanen Radtour durch die Normandie und in die Bretagne aufzubrechen. Das ist zwar zunächst mit ungekanntem Körpereinsatz und viel Schweiß verbunden. Doch eben auch mit einer neu zu entdeckenden Freiheit, die Pascal zum Beispiel aus seiner Sprachlosigkeit holt: „Warum dieses Bedürfnis, so zu sprechen, wie ich noch nie gesprochen habe?“

Ein leichtfüßig-amouröser Roman, gewürzt mit Erotik, überaus feinfühlig und voller Esprit, eine kleine Perle aus der Zeit des Jugendstils – geschrieben von Maurice Leblanc (1864-1941), der in Gustave Flaubert und Guy de Maupassant seine literarischen Vorbilder sah und der wenige Jahre später mit seinen Romanen über den Meisterdieb Arsène Lupin Weltruhm erlangen sollte.

Auch wer nicht so auf Liebesgeschichten steht, abseits dieser „amourösen“ Fahrradtour trumpft das Buch mit einigen Fahrrad ehrenden Sätzen auf, die wirklich großartig sind. Zwei Beispiele:

Eine Heiterkeit ging von all diesen Leuten aus, die da in der guten Luft zusammensaßen, nachdem sie mit eigener Kraft dorthin gelangt waren, und die jene Art unbestimmten Stolzes derer in sich bargen, die soeben eine, wenn auch noch so geringe Heldentat vollbracht haben.

Das Fahrrad ist eine Vervollkommnung seines Körpers selbst [dem des Menschen], seine Vollendung, könnte man sagen.

Und kann man heute einen besseren Vergleich zwischen Fahrrad und Auto finden, als den, den Maurice Leblanc vor über 100 Jahren Pascal in den Mund legte?

Das Pferd, das Kamel, das Rentier, die Wagen, die Dampfkraft, die Elektrizität, alles nur entsprechende Notbehelfe, die nur umso mehr die Unbeholfenheit des Menschen deutlich machen, der, auf den Zustand eines Pakets oder Frachtstücks reduziert, wie ein Gelähmter in den kleinen Wagenkasten einer Kutsche oder den Sarg eines Zugabteils eingesperrt ist. Nun aber hat das Fahrrad das Problem gelöst.

Neben der Handlung sind hier also auch einige sprachliche Perlen zu finden. Für einen Kurzurlaub in Frankreich drängt sich das Buch geradezu auf. Auch wenn man nicht unbedingt aus der Welt der „amourösen Romane“ kommt…

Nun wachsen uns Flügel – Amouröser Roman
Maurice Leblanc
160 Seiten
Illustrierte Ausgabe – alle Originalgraphiken farbig reproduziert
MAXIME Verlag
2015

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