Kürzlich hatte ich über einen „Vorfall“ in Hamburg berichtet, bei dem eine Autofahrerin völlig aus der Haut gefahren ist. Die Diskussionen im Netz haben hohe Wellen geschlagen, sodass der betroffene Radfahrer, Thomas, nach üblen Drohungen das Video vom Vorfall wieder offline genommen hat. Hier gibt es nun einen Gastbeitrag von Thomas, der die ganze Geschichte aus seiner Sicht erzählt!

„Schock-Video: Streit zwischen Autofahrerin und Radler“ – so titelte das Hamburger Abendblatt (Springer) am 08.07.2013 und hielt für den Besucher der Online-Ausgabe auch gleich das Video bereit.
Am darauffolgenden Tag (Dienstag) sprangen Radio Hamburg und Oldie ‘95 (identische Sendergruppe) auf den fahrenden Zug durchs Sommerloch auf. Auch hier war das besagte Video auf der Homepage neben den üblichen reißerischen Top-Stories platziert.
Am Donnerstag (11.07.2013) versuchte sich der lokale TV-Sender Hamburg 1 an einer medialen Teilhabe des Ganzen. Der Clip diente als Einspieler für eine Diskussion mit Arne Meier vom hiesigen ADFC zum generellen Thema „Radfahren in der Stadt“.
Die Hamburger Morgenpost (MOPO) war erst am Samstag (13.07.2013) bereit, ein wenig Platz zwischen den sonstigen, teilweise auf Bild-Niveau agierenden Artikeln freizuräumen.

Die letzte Woche lässt sich deshalb wohl kaum passender als mit Andy Warhols „15 Minutes of fame“ zusammenfassen. Denn diese „15 Minutes“ erlebte ich und bin doch recht froh, dass sich die mediale Aufmerksamkeit schnell einem anderen Thema zugewandt hat.

Ja, wir brauchen Diskussionen über Radverkehr; über ein Miteinander von zu Fuß Gehenden, Rad Fahrenden und Kfz Steuernden und über vernünftige Infrastruktur für alle Verkehrsteilnehmer. Leider ist dieses Video für eine konstruktive Diskussion absolut ungeeignet.

Es ist hingegen hervorragend geeignet, Fronten zu verhärten, Vorurteile zu bestätigen und die StStVO (StammtischStraßenVerkehrsOrdnung) mit neuen Halbwahrheiten, Mutmaßungen und Wünschen zu füllen. So ließ uns Nutzer J. in seinem Kommentar unter dem damals noch bei Youtube abrufbaren Video an seinem Weltbild mit folgenden Worten teilhaben: „die straße gehört dem auto, wenn es keine radwege gibt, zuhause bleiben oder taxi fahren.“
Die vielen ähnlich gelagerten „Meinungsäußerungen“ in den entsprechenden Gästebüchern, Foren und Blogs der oben erwähnten Medien bestätigen, dass Ansichten wie die von J. eben nicht nur in den Köpfen verwirrter Einzelner ihre Heimat haben, sondern in denen vieler Verkehrsteilnehmer. Verkehrsteilnehmer, mit denen wir Rad Fahrende uns den gemeinsamen Verkehrsraum häufig teilen dürfen, häufig auch teilen müssen.

Das Video ist in seinem furiosen, hilfeschreienden Finale so grotesk, die handelnde Hauptperson derartig überzeichnet, dass man gar nicht glauben möchte, dass es sich um eine reale, nicht-gestellte Szene handeln soll. Doch zeigt es genau das: den puren, rabiaten Alltag. Sicherlich in einer seiner extremsten Ausprägungen. Da schreckt die Führerin des Kfz nach einem Schlag aufs „heilig‘ Blechle“ nicht vor Schlägen, schubsen, anspucken, Hilfeschreien zurück. Sie fühlt sich im Recht. Das Recht auf Fahrbahn? Das Recht auf Geschwindigkeit? Das Recht, andere Menschen zu gefährden, Verletzungen in Kauf zu nehmen?

Ich werde mit ca. 15cm Seitenabstand überholt und abgedrängt. Bei fast 40km/h auf einer Fahrbahn mit Schlaglöchern, ausgebesserten Frostschäden und Längsrissen in der Asphaltdecke. Ich wage zu behaupten, dass meine lautstarke und nachdrückliche Reaktion nur von denen verstanden werden kann, die ähnliche Manöver bereits am eigenen Leib erlebt haben oder zumindest wissen, wie schnell sich ein folgenschwerer Sturz ereignen kann.

Ich will mich für meine unmittelbare Reaktion auf das Überholmanöver nicht rechtfertigen oder Abbitte leisten – meine Nicht-Reaktionen auf bereits erwähnte verbale und non-verbale Entgleisungen der „guten Frau“ sprechen, so glaube ich, nicht gegen mich. Entgegen ihres Wunsches/Vorschlages fuhr die Dame dann doch leider nicht zum nächstgelegenen Polizeikommissariat.

Für viele Betrachter des Videos bleibt die Frage: „Warum fährt der so? Darf der das?“ Nach diversen Beinahezusammenstößen auf unseren als sicher gepriesenen Radwegen handle ich nur noch nach einem einzigen Grundsatz – Eigenschutz geht vor! Dies bedeutet:

– niemals in der Dooring-Zone fahren = 1,2m bis 1,5m zwischen Kfz und äußerstem Rand meines Fahrrades
– keine verschwenkten oder nicht einsehbaren Radwege benutzen
– Abstand zum Fahrbahnrand = 0,8m bis 1m, unter bestimmten Bedingungen auch mehr.
– in engen, einspurigen Straßen auch und gerade bei Gegenverkehr immer in der Mitte und langsam

Daraus ergibt sich, dass ich die immer noch häufig angeordnete Radwegebenutzungspflicht nicht an jeder Stelle befolgen kann. Aber warum die Fahrbahn, wo doch im Video eindeutig erkennbar ist, dass es dort verdammt gefährlich ist? Eine derartige extreme Gefährdung passiert mir vielleicht alle 6 bis 10 Wochen. Ohne den nötigen Seitenabstand werde ich aber fast täglich überholt. Dennoch ist statistisch erwiesen, dass Mischverkehr innerhalb von Ortschaften sicherer ist als das Fahren auf abgetrennten Radwegen mit Konfliktpotential an jeder Ausfahrt, jeder Kreuzung und vor jedem Straßencafé.
Deshalb möchte ich an alle Rad Fahrenden appellieren, sich nicht von derartigen „Schock-Video(s)“ abschrecken zu lassen. Nehmt Euer Recht auf Fahrbahn wahr! Zeigt keine Unsicherheiten, seid selbstbewusst!

Und den Kfz-Steuernden, die tagtäglich Rücksicht auf Rad Fahrende nehmen, die mit dem nötigen Seitenabstand überholen oder auch mal 20 Sekunden hinter einem Rad Fahrenden bleiben, weil ein sicheres Überholen nicht möglich ist, möchte ich meinen Dank aussprechen. Die Städte wären um Einiges lebenswerter, wenn alle hinter dem Lenkrad so handeln würden.

Den Apologeten der Stammtisch-Straßenverkehrsordnung möchte ich aber die in Deutschland gültige Straßenverkehrsordnung ans Herz legen. Dort den §2 – Rechtsfahrgebot (bedeutet nicht „äußerst rechts“) sowie Radwegebenutzung; §5 – Überholen und außerdem den §9 – Abbiegen.
Ihr seht einen Rad Fahrenden, der sich eurer Meinung nach nicht an die Regeln hält, die eurer Meinung nach gelten? Sprecht ihn an – aber überfahrt ihn nicht!

Und hier noch mal der Stein des Anstoßes. Die Ladezeit kann leider variieren (bis zu einer Minute). Entschuldigt das bitte. Das liegt wohl am Server. Ich arbeite dran. Aber für das Video kann man sich die Minute nehmen…

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Danke an Thomas, dass er mir das Video zur Verfügung stellt!

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