Foto: Rainer Ganahl/ useabicycle.com

Foto: Rainer Ganahl/ useabicycle.com

Rainer Ganahl ist ein österreichisch-amerikanischer Künstler. Er lebt in New York und stellt mit dem Bicycle Manifesto die Forderung nach mehr Raum für den Radverkehr. 50 Prozent der innerstädtischen Straßen sollen in Radwege umgewandelt werden. Wie das aussehen könnte, hat er kürzlich in Neuhausen bei Stutgart gezeigt. Eine Fahrbahn wird zur Einbahnstraße, die andere wird zu zwei Fahrradstreifen, Bikeways genannt. Hier mehr.

Dass diese Umwandlung funktionieren kann, begründet er mit der Einführung von Fußgängerzonen in den 1960er und 70er Jahren. Auch damals wollte man nicht auf den Komfort verzichten, jedes Geschäft in der Innenstadt mit dem Auto zu erreichen. Und funktioniert hat es dennoch. Keiner würde heute die Fußgängerzonen infrage stellen.
Für Ganahl sind Bikeways eine zwingende Konsequenz auf dem Weg hin zu sicheren Straßen. Großzügige Bikeways wären nicht nur ein Ausweg aus der gegenwärtig überaus gefährlichen Radfahr-Realität sondern auch eine Einladung an die Menschen, das Fahrrad zu benutzen und das Auto stehen zu lassen. Auch für Fußgänger wären Bikeways eine Verbesserung, denn sie müssen nicht länger Angst vor Radfahrern haben, wenn sie die Radwege betreten, die oftmals auf Kosten von Gehsteigen gebaut werden.

Das Fahrrad-Manifest fasst viele Forderungen von Radfahrern gut und prägnant zusammen und weist auf positive Effekte von intensiver Radverkehrsförderung hin. Ob es als Leitgedanke taugt, weiß ich nicht. Trotzdem ist es gut, dass immer wieder Leute diese Forderungen aufstellen!

Fahrrad Manifest – 50% aller Straßen müssen in Bikeways umgewidmet werden

Moderne Städte wurden für Autos gemacht. Ältere Städte werden benutzt als wären sie für Autos gemacht worden, mit Ausnahme kleiner Fußgängerzonen, die in Einkaufspassagen umgewandelt wurden. Fahrräder haben nirgends Platz.

In den letzten Jahren wurden in einigen Städten Radwege eingeführt. Das ist zwar ein guter Anfang, genügt aber noch lange nicht.

Was dieses Fahrrad Manifest verlangt, kann in einem Satz zusammengefasst werden: 50% aller Straßen in jeder Stadt sollen den Fahrrädern und elektrischen Fahrrädern vorbehalten sein. Diese Straßen sollen Bikeways genannt werden.

Nur Autobahnen und Fußgängerzonen sollen von dieser Regelung ausgenommen werden. Motorräder oder Roller ohne elektrischen Antrieb oder die eine Geschwindigkeit von 32 km/h überschreiten (20 Meilen) dürfen nicht auf Bikeways fahren. Auch Fußgänger sind dort nicht erlaubt.

Mit dieser Regelung fragen oder bitten wir nicht um mehr Anerkennung und Respekt den Radfahrern gegenüber. Fußgänger müssen nicht länger Angst vor Radfahrern haben wenn sie die Radwege betreten, die oftmals auf Kosten von Gehsteigen gebaut werden. Radwege gehören nicht neben den Gehsteig und sollen keine Straßen schmücken. Bikeways sind wie separate Straßenspuren zu behandeln und sind klar von Autospuren und Bürgersteigen zu trennen.

Das öffentliche Verkehrsmanagement muss sich darüber bewusst werden, dass Radfahrer (und E-Bike-Fahrer) eine wachsende Gruppe innerhalb der Bevölkerung sind, die nicht einfach als „gesetzlose schnelle Fußgänger“ oder „machtlose Autofahrer“ abgetan werden kann.

Was sind die Vor- und die Nachteile dieser 50%-Regelung?

Die Einführung von Fußgängerzonen in den 1960-er und 1970-er Jahren in Nord-Europa gestaltete sich als schwierig. Die Leute waren zu sehr daran gewöhnt, zu jeder Zeit überall hin mit dem Auto zu fahren. Die Realität hinter diesen Fußgängerzonen ist, dass sich die verkehrsberuhigten Stadtteile zu Freiluft-Einkaufszentren entwickelten, daher rechtfertigte der wirtschaftliche Zuwachs die verkehrstechnischen Unannehmlichkeiten.

Diese Einkaufszentrum-Logik erklärt die Tatsache, dass es in amerikanischen Großstädten keine nennenswerten Fußgängerzonen gibt. Zur gleichen Zeit kamen in jeder deutschen, schweizerischen und österreichischen Stadt Fußgängerzonen auf, der amerikanische Traum hingegen führte die Mittelschicht auf neu gebauten Autostraßen direkt in die Vorstädte und zu den Einkaufszentren ohne der Tatsache Bedeutung zu schenken, dass damit der Niedergang für die Innenstädte begann.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage zu stellen, was man gewinnen würde, wenn bereits bestehende Straßen mit Radfahrern geteilt werden würden? Ganz sicher würden die Leute deswegen nicht vermehrt einkaufen. Es würde vielleicht sogar zu weniger Konsum kommen, weil Radfahrer über keinen Kofferraum verfügen, den sie befüllen können. Aber der Gewinn wäre eine massive Verbesserung der Lebensqualität mit 50% weniger Luftverschmutzung, gesündere, schlankere und hoffentlich auch glücklichere Menschen, die weniger unter Schlaganfällen, Herzinfarkten und krankhaftem Übergewicht leiden als Autofahrer.

Wenn Radfahren sicherer und effizienter gemacht werden würde, würden mehr Menschen Fahrrad fahren. Mehr Radfahrer auf sicheren Bikeways wiederum würden immer mehr Menschen anregen, auch Rad zu fahren wodurch sich die Wahrnehmung der Stadt verändert: Die Menschen würden entdecken, dass ihre Städte einfach mit dem Rad durchmessen werden können.

Elektrische Fahrräder – E-Bikes – sind in diesem Zusammenhang keine Alternative zu Fahrrädern sondern zu Autos. Der Autoverkehr würde sicherlich reduziert und Transportmuster verändert werden. Sogar Konsum- und Koch-Gewohnheiten könnten sich wandeln, weil kleine Märkte mit frischen, regionalen Produkten wieder mehr Bedeutung erlangen würden, die die Menschen anregen, anders zu kochen. In fast allen Städten bewegen sich die Radfahrer heute genau so schnell oder sogar schneller als die Autos.

Wenn Bikeways Wirklichkeit werden, werden auch die Fahrzeiten für Autos reduziert, weil sich viele Menschen für Radfahren oder E-Bike fahren entscheiden würden. Mit einem E-Bike kann man klassisch Rad fahren und/oder elektrisch unterstützt Rad fahren, was wiederum Mobilität ohne jede Anstrengung bietet und sich so durchaus mit dem Komfort eines beheizten Autos vergleichen lässt.

Großzügige Bikeways wären nicht nur ein Ausweg aus der gegenwärtig überaus gefährlichen Radfahr-Realität sondern auch eine Einladung an die Menschen, das Fahrrad zu benutzen und das Auto stehen zu lassen.

All dies würde die Lebensqualität erhöhen, zu Verbesserungen der ökologischen Situation und zu dringend notwendigen Veränderungen in der Stadt-, Verkehrs- und Transportpolitik führen. Wir brauchen bessere Fahrradabstell-Möglichkeiten, nachhaltige Bike Sharing-Ideen, zum Beispiel ein kostengünstiges städtisches Fahrradverleih-Netzwerk.

Fahrrad und Dreirad-Verkehr kombiniert mit E-Bike Technologie kann derart effizient gemacht werden, dass sogar der Transport von sperrigen Dingen sowie diverse Servicedienstleistungen – wie etwa Taxis oder Kioskbetriebe etc. – via Fahrrad angeboten werden können, wie es bereits in China und in den Ländern der „neuen Märkte“ der Fall ist. Fahrräder sind nicht nur ein günstiges und ein umweltfreundliches Fortbewegungsmittel im städtischen Verkehr sondern sie produzieren auch keinen Lärm.

Wenn Bikeways eingeführt und die verfügbaren Straßen zwischen Rad- und Autofahrern geteilt werden würden, wäre es viel einfacher, in der Stadt Fahrrad zu fahren. Dies würde – dank eines kostengünstigen, viel gesünderen und umweltfreundlichen Transportmittels – eine höhere Lebensqualität gewährleisten. Wenn die Infrastruktur einmal zur Verfügung gestellt ist, wird ein massives Umdenken stattfinden und Menschen allen Alters und in jedweder körperlicher Verfassung werden auf Fahrräder oder E-Bikes umsteigen.

Rainer Ganahl, New York, Jänner 2011

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